Tu Reparatrix

Mons. Carlo Maria Viganò

Tu Reparatrix

Predigt zur Unbefleckten Empfängnis
der allerseligsten Jungfrau Maria

Tuti sumus te tutante,
Virgo potestatis tantæ,
Dei ligans omnipotentiam.

Lass uns durch Dich beschützt sein,
Jungfrau, die Du von Gott so viel Macht erhalten hast,
dass Du Seine Allmacht ausüben darfst.

Sequenz O mira claritas

 

Dieser gesegnete Tag, der der Feier der Unbefleckten Empfängnis der allerheiligsten Maria gewidmet ist, bietet uns die Gelegenheit, öffentlich und feierlich Wiedergutmachung zu leisten für die Ehre der erhabenen Mutter Gottes, nachdem ein abscheuliches Dokument des Vatikans – die Nota Mater populi fidelis – es gewagt hat, die Zuschreibung des Titels der Mittlerin und Miterlöserin an diejenige, die der Vater als Tochter, der Sohn als Mutter und der Heilige Geist als Braut gewollt hat, für „immer unangebracht” zu erklären. Diese verfluchte Schlange, deren Kopf sie zertreten wird, bedroht weiterhin ihren jungfräulichen Fersen und versprüht das tödliche Gift, das schon die Häresiarchen aller Zeiten ausgespuckt haben. Als Beweis für die unerhörte Beleidigung der allerheiligsten Mutter dient der Skandal der Einfachen, die sie als schmerzensreiche Miterlöserin und Mittlerin aller Gnaden verehren.

Wenn wir die Herrlichkeit Unserer Lieben Frau und Königin feiern, können wir nicht umhin, in ihrer Unbefleckten Empfängnis die notwendige Voraussetzung und Vorbereitung nicht nur für die Menschwerdung des Ewigen Wortes des Vaters zu sehen, sondern auch für die Opferung der Mutter des fleischgewordenen Wortes, eines reinen, heiligen und durch eine ganz besondere Gnade unbefleckten Opfers, des ersten Geschöpfes, das würdig war, sich mit dem Sohn in der Opfergabe an den Vater zu vereinen. Wer hätte dieses Privileg mehr verdient als sie, die von jedem Makel bewahrt war? Wer hätte mehr als sie das Recht gehabt, ihr mystisches Mitleiden dem vollkommenen Opfer unseres Herrn anzubieten? Und wie hätte sie mit größerer Nächstenliebe auf das Beispiel ihres göttlichen Sohnes reagieren können, als sich mit ebenso großer Nächstenliebe von den scharfen Schwertern durchbohren zu lassen, die sie zur Mater dolorosa und zur Regina Crucis machen?

Unsere Liebe Frau ist in der Tat die Königin des Kreuzes kraft ihres Mitleidens und somit Miterlösung. Wenn Christus vom Kreuz herab regiert – Regnavit a ligno Deus; wenn das Kreuz der Thron der Herrlichkeit der göttlichen und universellen Herrschaft des Königs der Könige ist; wie hätte die erhabene Königin diesen Titel verdienen können, wenn nicht dadurch, dass sie ihre Arme mystisch über das Kreuz ihres Sohnes ausbreitete?

Durch ihre mystische Teilhabe an der Passion des Erlösers ist sie Reparatrix, Wiedergutmacherin der Sünden dank der Verdienste, die sie zu Füßen des Kreuzes erworben hat: Auch sie ist Erlöserin, soli secunda Numini, nur Gott untergeordnet, und somit Miterlöserin, Polarstern in der dunklen Nacht, der nur das Licht der Sol Justitiæ (‘Sonne der Gerechtigkeit’) widerspiegelt. Schließlich ist sie dank dieser Verdienste Mediatrix, Mittlerin aller Gnaden: sowohl ihrer eigenen als auch der unendlichen Gnaden ihres Sohnes. Sie ist Verwalterin des Schatzes der unendlichen Verdienste Christi, zu denen die Verdienste der Heiligen und – daran sei erinnert – auch die Verdienste derer hinzukommen, die im Laufe ihres Lebens „in ihrem Fleisch vollendet haben, was an den Leiden Christi noch fehlte, zum Wohl seines Leibes, der die Kirche ist“ (Kol 1,24). Das Opfer der Jungfrau – des vollkommensten Geschöpfes, das zur Wohnstätte des Allerhöchsten und zur Bundeslade erwählt wurde – konnte nur die kostbarste Zierde des Opfers Christi und das leuchtendste Beispiel der Nächstenliebe für uns sein, die wir lebendige Glieder dieses mystischen Leibes sind, der uns alle am Kreuz vereint, in Erinnerung an die Worte des Erlösers: Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach (Mt 16,24). Gibt es einen besseren Führer auf diesem persönlichen und kirchlichen Kreuzweg als diejenige, die zusammen mit den frommen Frauen den Herrn auf dem Kalvarienberg begleitete? Diejenige, die uns der sterbende Herr als Mutter gegeben und der Er uns als Kinder anvertraut hat? Diejenige, die Ihn pro peccatis suæ gentis, für die Sünden seines Volkes, sterben sah? Diejenige, die Seinen leblosen Leib aufnahm und Ihn ins Grab legte? Wir wiederholen es, vielleicht ohne darauf zu achten, wenn wir die Sequenz Stabat Mater singen: Crucifixi fige plagas cordi meo valide: Präge die Wunden des Gekreuzigten [Deines Sohnes] tief in mein Herz ein.

Die Unbefleckte Jungfrau – diejenige, die niemals Sünden sühnen musste, da sie vor ihnen bewahrt geblieben war – wird zum Opfer mit dem göttlichen Opfer, überschreitet die einzige Schwelle, die zum Himmel führt, und von dieser ewigen Herrlichkeit aus schüttet sie als Mutter und Fürsprecherin weiterhin die Ströme der Gnaden aus, die die Vorsehung ihr als Schatzmeisterin Gottes anvertraut hat.

Wir leben in einer Zeit großer Umwälzungen. Die heilige Jungfrau hat uns versichert: Am Ende wird mein Unbeflecktes Herz triumphieren. In der Gewissheit des endgültigen Triumphs, liebe Brüder und Schwestern, liegt auch die Gewissheit des Kreuzes, das ein unverzichtbarer Weg für eine echte Nachfolge Christi ist. Die Regina Crucis sagt uns: am Ende. Am Ende des Aufstiegs zum Kalvarienberg, denn von diesem Thron aus, den sie mystisch erobert hat, indem sie sich mit ihrem Sohn im Opfer an den Vater vereinte, triumphiert die Regina Crucis mit ihrem göttlichen Sohn. Vom Thron des Kreuzes aus regiert sie als Spenderin aller Gnaden, die ihr die göttliche Allmacht anvertraut hat, um sie zu verwalten.

Wir vertrauen ihr das Schiff Petri an, damit sie es in der passio Ecclesiæ führt und begleitet, wie sie bereits ihren göttlichen Sohn, das Haupt des Mystischen Leibes, in Seiner schmerzhaften Passion zum Triumph des ewigen Ostern begleitet hat. Vertrauen wir uns der Unbefleckten Jungfrau mit den Worten der Sequenz O mira claritas an:

Lass uns von Dir beschützt werden,
Unbefleckte Jungfrau,
die Du von Gott so viel Macht erhalten hast,
dass Du Seine Allmacht verwalten darfst.

So sei es.

+ Carlo Maria Viganò, Erzbischof

8. Dezember MMXXV
In Conceptione Immaculata B.M.V.

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