Obœdientia et sacrificium

Obœdientia et sacrificium
Predigt zum Fest der Reinigung
der allerseligsten Jungfrau Maria
Quia misericordiam volui, et non sacrificium;
et scientiam Dei plus quam holocausta.
Denn ich will Barmherzigkeit und nicht Opfer,
und die Erkenntnis Gottes mehr als Brandopfer.
Os 6,6; Mt 9,13 und Mt 12,7
Die Heilige Kirche schlägt uns an diesem heutigen Festtag, welcher der Reinigung der Jungfrau Maria und der Darstellung unseres Herrn im Tempel gewidmet ist, zwei Beispiele für Gehorsam und Opfer vor, deren Vorbilder gerade der göttliche Erlöser und seine heilige Mutter sind. Erlaubt mir daher, liebe Gläubige, diese für unsere Heiligung so wichtigen Aspekte mit euch zu vertiefen.
Die Riten der Reinigung der Frauen nach der Geburt (Lev 12) und der Darstellung des erstgeborenen Sohnes (Ex 13,2; 12-15; Num 18,15-16) waren im Alten Testament vorgeschrieben, das zu dieser Zeit noch in Kraft war. Mit dem Opfer am Kreuz werden sie nämlich hinfällig und machen Platz für den neuen und ewigen Bund, der im Blut des makellosen Lammes besiegelt wurde. Antiquum documentum novo cedat ritui.
Aber welche Reinigung hätte diejenige jemals gebraucht, welche die Heiligste Dreifaltigkeit im Hinblick auf die Menschwerdung des ewigen Wortes des Vaters vor der Erbsünde bewahrt hat? Welcher Darbringung hätte sich Gott selbst, der Mensch geworden ist, unterziehen müssen? Keiner. Und doch wollten sowohl unser Herr als auch die heilige Jungfrau den Geboten des mosaischen Gesetzes Gehorsam erweisen, so wie es am Tag der Taufe des Herrn im Wasser des Jordans geschehen sollte. Auch in diesem Fall ist der göttliche Meister ein lebendiges Beispiel für Gehorsam, damit wir, die wir wirklich in der reinigenden Waschung der heiligen Quelle wiedergeboren werden müssen, in Ihm ein Vorbild der Demut sehen. Das gleiche Opfer, das Er auf Golgatha vollbrachte und beim letzten Abendmahl mystisch vorwegnahm, folgt den jüdischen Ritualen, die dafür ein Vorbild waren. In der allegorischen oder typologischen Auslegung der Heiligen Schrift, die uns die heiligen Väter und das Lehramt vorschlagen, ist das Alte Testament eine Vorwegnahme (τύπος) dessen, was das Neue Testament vollbringt (ἀντίτυπον), so dass das erste pädagogisch (Gal 3,24) auf das Kommen des Emmanuel vorbereitet: Vetus in novo patet, novus in vetere latet (hl. Augustinus) ‘Das Alte offenbart sich im Neuen, das Neue ist im Alten verborgen’. Dieser Aspekt ist sehr wichtig, denn er zeigt uns, wie die Realität und die Historizität der von unserem Herrn vollbrachten Menschwerdung und Erlösung bereits providentiell in ebenso historischen Personen oder Ereignissen des Alten Bundes vorgebildet waren. Darin haben wir eine Bestätigung dafür, dass sich die gesamte Heilsgeschichte um Christus dreht – omnia per ipsum facta sunt (‘Alles ist durch Ihn geworden’) (Joh 1,3) – und dass in Ihm – und nur in Ihm – alles seinen richtigen Platz im göttlichen κόσμος (‘Kosmos’) findet (Eph 1,10).
Wir müssen daher die Gebote des Alten Gesetzes als Vorbilder dessen lesen, was das Neue Gesetz in Christus verwirklicht. Der Gehorsam des Herrn und seiner heiligsten Mutter gegenüber diesen rituellen Geboten gibt ihnen einen Sinn, den sie sonst nicht hätten, denn jene sind wie ein Strahl, der hinter den Wolken erscheint, während diese das Sonnenlicht in seiner ganzen blendenden Pracht darstellen. Simeon und Anna sind ihrerseits Symbole für Adam und Eva, die die Wiederherstellung der göttlichen Ordnung durch den neuen Adam und die neue Eva erkennen, die von den ersten Eltern zerstört worden war.
Gehorsam ist das Mittel, durch das wir uns auf das Opfer als via regia (‘königlichen Weg’) unserer Heiligkeit vorbereiten können. Die sequela Christi (‘Nachfolge Christi’) besteht nämlich darin, dem Herrn ans Kreuz zu folgen, um dann mit Ihm in der ewigen Herrlichkeit des Himmels zu triumphieren. Das ist der Gehorsam unseres Herrn und seiner Mutter: Gehorsam gegenüber einem Schicksal des Leidens, das nicht sinnlos ist, sondern im Gegenteil jene militia christiana (‘christliche Streitkraft’) bildet, die uns mit der Passion Christi verbindet, die uns als lebendige Glieder des mystischen Leibes an den erlösenden Leiden seines Hauptes und an den mitlösenden Leiden der heiligen Jungfrau teilhaben lässt. Gehorsam und Opfer sind also signum cui contradicetur (Lk 2,34), ‘ein Zeichen des Widerspruchs’, das den Unterschied zwischen den Kindern Gottes und den Kindern der Welt ausmacht. Und auch dir, sagt Simeon zur Mutter des Herrn, wird ein Schwert die Seele durchdringen, damit die Gedanken vieler Herzen offenbart werden (ebd. 36).
Auch dir: Mit diesen Worten erkennt der Greis die Rolle der Miterlöserin der Regina Crucis (‘Königin des Kreuzes’) an, die kraft ihres Mitleidens auch Mittlerin aller Gnaden, Schatzmeisterin der Verdienste unseres Herrn Jesus Christus und Verwalterin der göttlichen Barmherzigkeit wird.
Nunc dimittis servum tuum, Domine. ‘Nun, Herr, kannst Du deinen Diener gehen lassen.’ Im Lobgesang des Simeon – den die Kirche täglich im Kompletgebet wiederholt – finden wir jene heitere und zuversichtliche Freude dessen wieder, der nach einem Leben des Wartens ‘die Erfüllung der göttlichen Verheißung erlebt, den Tod nicht zu sehen, bevor er den verheißenen Messias in seinen Armen gehalten hat’: Responsum acceperat a Spiritu Sancto, non visurum se mortem, nisi prius videret Christum Domini (Lk 2,26).
Machen wir uns das Vertrauen des Propheten Simeon in das Wort des Herrn, das das Wort der Wahrheit ist, zu eigen. Auch uns ist es vergönnt, den Tod nicht zu sehen, ohne zuvor den Erlöser kennengelernt zu haben, ohne Ihn im Sakrament des Altars in unserem Herzen aufnehmen zu können, ohne Ihn im eucharistischen Opfer umarmt zu haben. Aber auch wir, die wir den Vorschriften des neuen und ewigen Bundes folgen, sind aufgefordert, uns im Tempel zu zeigen, uns anzubieten, uns zu opfern. Wir sollen zulassen, dass unsere Seele von jenem Schwert durchbohrt wird, das durch Leiden die Bindungen an die Welt, an die Begierden des Fleisches, an die menschlichen Ehrungen durchtrennt, um uns Christus, dem neuen Adam, und Maria, der neuen Eva, anzupassen.
Ecce positus est hic in ruinam et in resurrectionem multorum in Israël (ebd. 34). ’Siehe, dieser ist bestimmt zum Fall und zur Auferstehung vieler in Israel’: ein Fall, der sich vollzieht, indem man sich blind macht für das Licht der Offenbarung an die Völker, indem man nicht das Knie beugt vor dem, der die Herrlichkeit seines Volkes Israel verkörpert (ebd. 32). Eine Auferstehung, die den lebendigen und von der Liebe beseelten Glauben derer krönt, die wie Simeon auf die vor allen Völkern vorbereitete Erlösung gewartet haben (ebd. 31). Denn allen, die dieses Licht angenommen haben, wurde die Macht gegeben, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Wollen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind (Joh 1,12-13). Machen wir uns also dieses Erbes würdig: Dominus pars hereditatis meæ et calicis mei: tu es qui restitues hereditatem meam mihi (Ps 16, 5). ‘Der Herr ist mein Erbteil und mein Kelch: Du bist es, der mich wieder zum Erben meines Erbes macht.’ – Amen.
+ Carlo Maria Viganò, Erzbischof
2. Februar 2026
In Purificatione B.M.V.