Aures habent et non audiunt

Mons. Carlo Maria Viganò

Aures habent et non audiunt

„Ich höre allen zu!“
Chronologie eines Schweigens

ICH hätte erwartet, dass Papst Leo, nach dem Vorbild des Guten Hirten, gekommen wäre, um das verlorene Schaf zu suchen und es in den Schafstall zurückzuführen, aus dem sein Vorgänger es vertrieben hatte. Dies ist nicht geschehen.

Obwohl ich überzeugt bin, dass meine ‘Exkommunikation’ eine ungerechte und unrechtmäßige Maßnahme und daher wirkungslos ist, kann ich nicht umhin festzustellen, dass sie für denjenigen, der sie mir auferlegt hat, eine Art aquæ et ignis interdictio (‘Verbot von Wasser und Feuer’) darstellt, die Strafe des antiken römischen Rechts, die einer Form des ewigen Exils gleichkam und die Verpflichtung für den Verurteilten beinhaltete, das römische Gebiet zu verlassen, wobei es jedem untersagt war, ihm Wasser, Feuer oder irgendeine Form von Hilfe, einschließlich Gastfreundschaft oder Unterkunft, zu gewähren, unter Androhung schwerer Strafen. In der Praxis machte dies den Verurteilten zu einem Gesetzlosen, indem man ihm die zum Überleben notwendigen Güter entzog und ihn von der Gesellschaft isolierte. Und so sehe ich mich, unter Missachtung der schönen Worte über Aufnahme und Inklusion, zu einer ‘geistlichen Todesstrafe’ verurteilt, der Sakramente beraubt und zur ewigen Verdammnis bestimmt. Für Bergoglio und Prevost wäre also die Todesstrafe, die nur den Körper tötet, unzulässig, während die Exkommunikation, die die Seele tötet und sie zum ewigen Tod verdammt, zulässig wäre.

Aus diesem Grund hielt ich es für meine Pflicht, an Leo zu schreiben und ihn um eine Audienz zu bitten, da ich nichts unversucht lassen wollte. Hier ist der zeitliche Ablauf der gesamten Angelegenheit:

  • Am 4. Juni 2025 sandte ich Leo über die Vatikanische Post einen persönlichen Brief mit äußerst heiklem Inhalt und bat darin auch um eine Audienz;
  • am 28. August 2025, da ich keine Antwort auf meinen vorherigen Brief erhalten hatte, stellte ich erneut den Antrag, von Leo in einer privaten Audienz empfangen zu werden, und zwar über die Präfektur des Päpstlichen Hauses, indem ich eine E-Mail an den Regenten, Mons. Leonardo Sapienza, sandte;
  • am 20. September 2025 erhielt ich eine Antwort von Mons. Sapienza, der mir die Gewährung der Audienz bestätigte, die für den 11. Dezember 2025 um 10 Uhr in der Bibliothek des Apostolischen Palastes angesetzt wurde;
  • Am 9. Dezember 2025 um 8:08 Uhr, zwei Tage vor dem Treffen, teilte mir Mons. Sapienza auf elektronischem Wege mit, dass die Audienz abgesagt worden sei.
  • Weniger als zwei Stunden später, um 9:53 Uhr, leitete mir das Sekretariat der Präfektur des Päpstlichen Hauses jedoch die Eintrittskarte für die Audienz weiter.
  • Kurz darauf, um 10:14 Uhr, teilte mir dasselbe Sekretariat mit, dass die Audienz abgesagt worden sei.
  • Aufgrund dieser widersprüchlichen Mitteilungen rief ich Mons. Sapienza an, um den Grund für die Absage zu erfahren. Sichtlich verlegen brachte er wenig glaubwürdige Ausreden vor, versicherte mir jedoch, dass er mir so bald wie möglich einen neuen Termin mitteilen würde, und zitierte dabei die Worte von Leo «Die Audienz müssen wir neu ansetzen: Ich höre allen zu!»
  • Da ich keine Mitteilung von der Präfektur erhalten hatte, schrieb ich am 12. Januar 2026 erneut an Mons. Sapienza, erhielt jedoch keine Antwort auf meine E-Mail.
  • Da mir der Weg über die Präfektur nun versperrt war, beschloss ich am folgenden 21. Januar, den Dekan des Kardinalskollegiums, Kardinal Giovanni Battista Re, anzurufen, mit dem ich jahrzehntelang zusammengearbeitet hatte – im Staatssekretariat und in meinen späteren Ämtern –, und ihn zu bitten, sich für eine Audienz bei Leo einzusetzen. Ich erhielt vom Kardinal eine sofortige Antwort in begeistertem Ton, deren Abschrift ich hier wiedergebe: «Ich bin so froh, aber so… Ich habe mich sehr darauf gefreut, deine Stimme zu hören, und würde mich auch freuen, dich zu treffen, wo immer du möchtest… Ich würde mich sehr freuen, dich zu treffen…» Dann fügte der Kardinal hinzu: «Das wesentliche Problem ist, dass gerade der Papst dich empfangen soll, bei allem, was vorgefallen ist. Meiner Meinung nach fällt es dem Papst schwer, dich zu empfangen: Es ist kein Problem der Zeitplanung oder der Termine. Der Papst hat gewisse Bedenken, dich persönlich zu empfangen … ohne dass es irgendwelche Anzeichen für eine Änderung deinerseits gibt. Ich werde mich jedoch darum kümmern und dir gerne Bescheid geben … Denn wir müssen Kinder der Kirche sein, und als Kinder der Kirche müssen wir mit dem Papst vereint sein und den Anweisungen des Papstes folgen. Was uns am Herzen liegen muss, ist das Heil der Seele, aber um die Seele zu retten, müssen wir in der Kirche bleiben. In der Kirche, also in Einheit mit dem Papst. Du sollst jedoch wissen, dass ich dir persönlich nahestehe und immer bereit bin, dir zu helfen, wenn ich irgendwie helfen kann, damit wir gemeinsam der Kirche dienen… Wir müssen auch die Vergangenheit vergessen und vergeben können…»
  • Am 27. Januar 2026 traf ich den Kardinaldekan in der Nuntiatur in Italien. Das Gespräch dauerte über eine Stunde. Trotz seines gutmütigen Auftretens und seiner Zuneigungsbekundungen zeigte sich der Kardinal unfähig, auf meine Argumente einzugehen, so sehr, dass er sich sogar weigerte, einen Brief von mir entgegenzunehmen, der an Leo übergeben werden sollte, sowie weitere sensible Dokumente, über die ich den Kardinal selbst informieren wollte. Beim Abschied wiederholte er mir gegenüber: «Wir müssen dem Papst gehorchen, auch wenn der Papst dem Herrn nicht gehorcht.»
  • Am 28. Januar 2026 sandte ich meinen Brief an Leo über die Vatikanische Post und adressierte ihn an seinen persönlichen Sekretär. Auch dieser Brief – dessen Inhalt ich in Kürze bekanntgeben werde – blieb unbeantwortet.

 

+ Carlo Maria Viganò, Erzbischof

Viterbo, 19. März MMXXVI
S.cti Joseph Sponsi B.M.V. Confessoris

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