Templum tuæ majestatis effecti

Mons. Carlo Maria Viganò

Templum tuæ majestatis effecti

Predigt am Gründonnerstag, bei der Chrisammesse

Du liebst Gerechtigkeit und hassest Unrecht;
darum hat dich, Gott, dein Gott, gesalbt
mit dem Öl der Freude vor deinen Gefährten.

Ps 44,8

 

AM vergangenen Sonntag, dem zweiten Sonntag der Passionszeit oder Palmsonntag, feierte die Heilige Kirche unseren Herrn Jesus Christus als König und als den von Gott seinem Volk versprochenen Messias. Der triumphale Einzug Christi begann in der Priesterstadt Bethphage am Fuße des Ölbergs, um in die Heilige Stadt einzuziehen: Öffnet eure Tore, ihr Fürsten, und erhebt euch, ihr ewigen Tore, damit der König der Herrlichkeit einziehen kann. Wer ist dieser König der Herrlichkeit? Dominus fortis et potens, Dominus potens in prælio (‘Der Herr, der Starke und Gewaltige, der Herr, mächtig im Streite’) (Ps 23,7-8).

Die Krönung des Erlösers am Fuße des Ölbergs und der feierliche Einzug in Jerusalem bis vor die Schwelle des Tempels verwirklichen die alten Riten, mit denen David seinen Sohn Salomon in symbolischer Weise als König, Priester und Propheten, als Gesalbten des Herrn – ein Wort griechischer Etymologie (Χριστόϛ), mit dem der hebräische Begriff Mashíach, eben der Messias. Unser Herr ist also der Christus, der einzige und wahre König, Priester und Prophet. Ihm gehört das triplex munus (‘dreifache Amt’), d. h. die drei untrennbaren Aspekte der Heilsmission Jesu Christi.

Sein Königtum steht Ihm von Rechts wegen zu, da Er wahrer Gott und wahrer Mensch ist, aufgrund der hypostatischen Vereinigung der göttlichen und der menschlichen Natur in der Person des fleischgewordenen Wortes. Sein Hohepriestertum übt er in der doppelten Rolle als Priester und Opfer auf dem Altar des Kreuzes aus. Seine Rolle als Prophet besteht in der vollkommenen und endgültigen Offenbarung des Geheimnisses Gottes, in der maßgeblichen Verkündigung der Heilswahrheit, in der Lehre mit göttlicher Autorität und in der Verkündigung des Himmelreichs in Erfüllung der Prophezeiungen des Alten Testaments.

Und heute weiht die Heilige Kirche in besonders feierlichen Riten das Chrisam, mit dem Könige und Bischöfe geweiht werden, sowie die Heiligen Öle, mit denen jeder Christ – in der Taufe und in der Firmung – in gewisser Weise König, Priester und Prophet wird. Doch wenn das «allgemeine Priestertum» der Gläubigen vom Zweiten Vatikanischen Konzil in böswilliger Absicht fast als Ersatz für das Amtspriestertum dargestellt wurde, um den Häretikern zu gefallen und die Kirche nach und nach ihrer Amtsträger zu berauben, indem man diese durch Volksvertreter ersetzte, dürfen wir dennoch nicht vergessen, dass jeder von uns vom Taufbecken an berufen ist, auserwähltes Geschlecht, königliches Priestertum (1.Pt 2,9), Erbe Gottes und Miterbe Christi (Röm 8,17) zu sein, wie es die Präfation zur Weihe des Heiligen Chrisams in Erinnerung ruft: ut sit his, qui renati fuerint ex aqua et Spiritu Sancto, chrisma salutis, eosque æternæ vitæ participes et cælestis gloriæ facias esse consortes; ‘damit es für jene, die aus Wasser und Heiligem Geist wiedergeboren werden, das Chrisam der Erlösung sei, und du sie zu Teilhabern des ewigen Lebens und zu Mitgenossen der himmlischen Herrlichkeit machst’.

Verbum caro factum est, et habitavit in nobis (‘Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt’) (Joh 1,14): Die Menschwerdung des Ewigen Wortes des Vaters, das Fleisch wird, stellt in Christus die durch die Sünde Adams zerbrochene Ordnung wieder her und offenbart Ihn als universellen König nicht nur in cœlo (‘im Himmel’), sondern auch in terra (‘auf Erden’). Alle, die Ihn als göttlichen Messias und Erlöser anerkennen, werden so wieder in die Herrlichkeit des Himmels aufgenommen. Die Sünde des Stammvaters der Menschheit war Ursache für den Untergang aller Menschen; das Opfer des neuen Adam ist kraft der Menschwerdung die wahre Selbsthingabe des Gottmenschen im Namen aller Menschen, ein der göttlichen Majestät höchst wohlgefälliges und daher wahrhaft erlösendes Opfer. Und deshalb muss der Antichrist, um dem wahren Christus seine Herrschaft zu entreißen, zuallererst leugnen, dass Er der Messias und König ist. Die Diener des Antichristen wirken auf die Auslöschung unseres Herrn Jesus Christus hin, auf die Beseitigung jedes Symbols, das an Ihn erinnert, auf die Aufhebung jedes Gesetzes, das Ihn als höchsten Gesetzgeber anerkennt. Dies geschieht sowohl in der zivilen Gesellschaft als auch in der religiösen Gesellschaft, denn Christus ist König und Papst. Diesem Zweck dienen die liberale Demokratie in den Nationen und die Synodalität in der katholischen Kirche.

Doch es gibt kein Priestertum – weder geweihtes noch das der Laien – ohne Opfer, nach dem Vorbild des einzigen, vollkommensten Opfers unseres allerheiligsten Erlösers. Deshalb werden wir bei der Taufe und der Firmung mit dem Heiligen Chrisam gesalbt: um uns mit dem Opfer unseres Herrn zu vereinen und in unserem Fleisch zu vollenden, was an den Leiden Christi noch fehlt, zum Wohl seines Leibes, der die Kirche ist (Kol 1,24). Salve, ara, salve, victima, de passionis gloria, qua vita mortem pertulit et morte vitam reddidit. ‘Sei gegrüßt, Altar, sei gegrüßt, Opfer, zur Ehre der Passion, durch die das Leben den Tod ertrug und durch den Tod das Leben zurückgab’ (Hymnus Vexilla Regis).

Das Priestertum unseres Herrn, das durch die Weihe sakramental fortgeführt wird, setzt sich dank der apostolischen Sukzession der Bischöfe ununterbrochen über die Jahrhunderte hinweg fort. Jeder von ihnen, sofern er gültig geweiht ist, kann sicher sein, auf einen der Apostel zurückzugehen, die die Fülle der Weihe aus den Händen unseres Herrn selbst empfangen haben. Deshalb ist es wichtig, dass die Apostolische Sukzession unversehrt und intakt bewahrt wird, denn es ist das Bischofsamt, das das Priestertum zur Heiligung der Seelen durch die Sakramente gewährleistet. Im Einklang mit dem Erbe ihres Gründers, des verehrten Erzbischofs Marcel Lefebvre, wird die Bruderschaft St. Pius X. am kommenden 1. Juli einigen Kandidaten die Bischofsweihe spenden, auch wenn der Heilige Stuhl das Apostolische Mandat nicht erteilt hat. Diese mutige Entscheidung kann nur gelobt werden, denn sie dient der Verteidigung der katholischen Kirche, der katholischen Messe und des katholischen Priestertums. Auch wir in dieser Gemeinschaft von Viterbo kämpfen denselben Kampf gegen dieselben Feinde. Auch wir spüren dieselbe Dringlichkeit: Wir sind ihr nachgekommen und werden ihr weiterhin nachkommen. Auch wir wurden wie Mgr. Lefebvre zu Unrecht exkommuniziert, weil wir der Kirche, dem Priestertum und der Messe treu bleiben wollten. Auch für uns gilt die Pflicht, unserem Werk Kontinuität zu verleihen, so wie Mgr. Lefebvre seinem Werk Kontinuität verlieh.

Die Dimension des Priestertums ist in erster Linie opfernd: Niemand ist davon befreit, das Kreuz zu tragen, das ihm die Vorsehung auferlegt, und für das die Gnade die Hilfe des göttlichen Simon von Cyrene sicherstellt. Und es ist offensichtlich, dass, wenn dies eine für alle Zeiten gültige Pflicht ist, dies umso mehr gilt, wenn die Verfolgung losbricht, wenn man auf falsche Zeugen zurückgreift, die Menge aufwiegelt und neue, grausame «Crucifige» (‘Kreuzige ihn’) schreit. Der Hass der Feinde Christi ist derselbe, der jene bewegte, die erkannten, dass der Messias, der in Jerusalem einzog, nicht ihr politischer Anführer war, der den Aufstand gegen die römischen Eindringlinge schürte und ihre Macht festigte, sondern ein König, der auf einer Eselin reitet, sich mit einer Dornenkrone schmückt und vom Kreuz aus regiert, ut qui in ligno vincebat, in ligno quoque vinceretur (Präfation von der Passionszeit), ‘damit derjenige, der Christus zu besiegen schien, indem er ihn zur schändlichsten Strafe verurteilte, wahrhaftig gerade durch das Kreuz besiegt würde’, ein Ärgernis für die Juden und eine Torheit für die Heiden (1.Kor 1,23). Erfüllt haben sich die Worte, die David in seinem treuen Lied sang, als er zu den Völkern sprach: Gott hat vom Holz aus geherrscht. Die Worte Davids erfüllen sich, der in wahrhaftiger Prophezeiung zu den Völkern sprach: Gott regiert vom Kreuz (Hymnus Vexilla Regis).

In diesen Stunden der Finsternis leben wir in der Erwartung, den letzten, triumphalen Einzug des wahren und einzigen Messias am Ende der Zeiten zu sehen, wenn die Welt in Asche zerfallen wird. Auch bei dieser Gelegenheit werden es die Kinder und das einfache Volk sein, die den Herrn mit Hosanna und Palmzweigen empfangen, während die Mächtigen der Erde und der Sanhedrin verzweifelt dem Untergang des Antichristen beiwohnen, in den sie ihre eigennützigen Hoffnungen gesetzt hatten. Unser Herr wird zurückkehren, um die königliche, priesterliche und prophetische Macht wieder universell und öffentlich in Besitz zu nehmen. Auf der Stirn derer, die im Blut des Lammes wiedergeboren sind, wird das Kreuz erstrahlen, gezeichnet mit dem Heiligen Chrisam, dem Öl, das es dem Kämpfer ermöglicht, sich dem Griff des Gegners zu entziehen.

Pange, lingua, gloriosi lauream certaminis

et super crucis trophæo dic triumphum nobilem:

Qualiter Redemptor orbis immolatus vicerit.

Von dem lorbeerreichen Streite töne meiner Stimme Klang,

auf des Kreuzes Siegeszeichen sing’ sie den Triumphgesang:

Wie der Weltheiland sich opfert und als Lamm den Tod bezwang.

In Erwartung des Jüngsten Gerichts – dum tempus est  (‘so es die Zeit sein wird’) – müssen wir uns zu würdigen Soldaten Christi machen. Das heißt, wir müssen uns darin üben, mit den geistlichen Waffen zu kämpfen, und mit der Hilfe der Gnade müssen wir auch den bonum certamen, ‘den guten Kampf’, unter dem Banner jenes göttlichen Königs führen. Damit das gesegnete Kreuz, das wir auf uns tragen, als Verheißung der Herrlichkeit mit Christus erstrahlt und nicht als Zeichen ewiger Verdammnis, weil wir uns dessen unwürdig gemacht haben. Amen.

 

+ Carlo Maria Viganò, Erzbischof

2. April MMXXVI
Feria V Majoris Hebdomadæ,
in Cœna Domini

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